Turbine-Keeperin Anna Sarholz behielt im Elfmeterschießen die Nerven und konnte anschließend mit ihrer Mannschaft jubeln.
Foto: Jan Kuppert
Eigentlich war schon alles aus. Im Finale der Champions League neigte sich nach torlosen 120 Minuten die Waage langsam zugunsten von Olympique Lyon. Anja Mittag vom 1. FFC Turbine Potsdam hatte im Elfmeterschießen Nerven gezeigt und war an Torhüterin Sarah Bouhaddi gescheitert. Es war schon der zweite Fehlschuss des deutschen Frauenfußball-Meisters an diesem späten Donnerstagabend. Den ersten Versuch hatte ausgerechnet Mannschaftskapitän Jennifer Zietz in den Sand gesetzt.
Die Spielerinnen in den roten Trikots standen konsterniert im Mittelkreis vom Coliseum Alfonso Pérez in Getafe. Erste Tränen flossen, denn Lyon führte weiterhin mit 3:2. Der französische Titelträger, dessen Reservespielerinnen an der Bank bereits jubilierten, benötigte nur noch ein Tor zum Sieg und hatte noch zwei Schützinnen in Reserve. Potsdam hingegen nur noch eine. „Damit war’s für mich verloren“, gab DFB-Präsident Theo Zwanziger später ehrlich zu.
Doch dann nahm der Elfmeter-Krimi eine Wendung, die selbst gestandene Fußball-Kenner überraschte. Potsdams gerade 17 Jahre alte Torhüterin Anna Felicitas Sarholz hielt den Schuss der französischen Nationalspielerin Amadine Henry und Potsdam damit weiter am Leben. Isabel Kerschowski glich zum 3:3 für Turbine aus. Doch noch immer hatte die Norwegerin Isabell Lehn Herlovsen die Entscheidung zugunsten Lyons auf dem Fuß. Sarholz stellte sich ein wenig vor den Ball, verschränkte die Arme vor der Brust und parierte schließlich auch diesen Schuss. „Herlovsen hat einen Fehler gemacht. Sie hat die ganze Zeit nach unten links geguckt und einmal kurz nach rechts. Das hab ich gesehen“, berichtete Potsdams Torhüterin, die bereits im Halbfinale gegen Duisburg drei „Elfer“ entschärft hatte.
Der Rest ist schnell erzählt. Beide Mannschaften duellierten sich nun wechselseitig. Die Japanerin Yuki Nagasato brachte Turbine erstmals nach vorn 4:3. Lyon glich zum 4:4 aus. Irgendwann traten auch die Torhüterinnen an den Punkt – und trafen scheinbar mühelos. Es stand 6:6. Bianca Schmidt erzielte das 7:6. Um 23.14 Uhr knallte die 18. Schützin, Élodie Thomis, den Ball nur an die Latte. Turbine hatte doch noch gewonnen. Es gab kein Halten mehr. Ein roter Freudenknäuel wälzte sich über den Rasen, dann übergab Uefa-Präsident Michel Platini den zehn Kilogramm schweren Silberpokal an Jennifer Zietz. Kanonen schossen rote und goldene Papierschnipsel in die Luft. Daheim in Potsdam lagen sich die Leute beim Public Viewing am Kutschstall in den Armen. „Ich habe heute viele Haare verloren“, ließ Ministerpräsident und Turbine-Mitglied Matthias Platzeck nach Getafe übermitteln.
„Das war Werbung für den Frauenfußball. Ein Krimi, wie ich ihn lange nicht mehr erlebt habe“, freute sich Zwanziger. „Das sind tolle Tage für den deutschen Fußball“, sagte der 64-Jährige auch mit Blick auf das Champions-League-Finale am Samstag zwischen dem FC Bayern und Inter Mailand. Die „Torbienen“ werden im Stadion sitzen und München die Daumen drücken. „Männer, macht’s so wie wir, dann ist alles gut! Ich habe schon Wetten abgeschlossen, dass Bayern 2:0 gewinnt“, sagte Lira Bajramaj.
„Der Herrgott hat wieder das Füllhorn ausgeschüttet. Normalerweise waren wir weg. In dem Moment, in dem Sarholz den Ball selber reingeschossen hat und Yuki dahingegangen ist, hab’ ich gesehen, das funktioniert“, erzählte Trainer Bernd Schröder.
Natürlich hatte auch er gesehen, dass Turbine vor 10 372 Zuschauern in der ersten Halbzeit arge Probleme hatte und selbst gestandene Spielerinnen längst nicht das zeigten, was sie können. „Für uns hat die Partie erst in der 2. Halbzeit begonnen“, erklärte der 67-Jährige in gewohnt kritischer Art. „Dann allerdings hätten wir den Sack zubinden müssen“, setzte er fort und dachte an die großen Gelegenheiten von Tabea Kemme in der 60. Minute und von Anja Mittag, die kurz vor Ende der regulären Spielzeit bei einem Pfostenschuss Pech hatte.
Egal. In Erinnerung werden andere Bilder bleiben: Anna Felicitas Sarholz als „coole Sau“, wie sich die Torhüterin selbst bezeichnete. Trainer Bernd Schröder, der mit der Medaille um den Hals alle überragt. Jenny Zietz, wie sie den Pokal in den Nachthimmel von Getafe stemmt. Oder jene Szenen, in denen die Spielerinnen bei der nächtlichen Sieger-Party im Restaurant Halifax ihre Familien herzten. Lira Bajramaj mit ihrem Vater Ismes und ihrer Mutter Ganimet, mit denen sie als vierjähriges Mädchen aus dem Kosovo nach Deutschland geflüchtet war.
Turbine Potsdam ist im Frauenfußball das Maß aller Dinge. Die Mannschaft steht bis zum Sommer 2011, einige Spielerinnen haben sogar einen Vertrag, der noch länger läuft. Durch den Gewinn der Champions League fließen 320 000 Euro auf das Vereinskonto, selbst nach Abzug aller Reisekosten dürfte ein erkleckliches Sümmchen übrig bleiben. „Wir haben die Voraussetzungen geschaffen, dass wir auch im nächsten Jahr in der Champions League mitspielen können“, erklärte Trikotsponsor Reiner Rabe, Geschäftsführer vom Zentrum Aus- und Weiterbildung Ludwigsfelde (ZAL). Der Etat nähert sich der Millionengrenze. „Viele Vereine haben gesehen, wie toll es ist, in der Champions League zu spielen. Sie werden ihre Anstrengungen vergrößern, uns zu schlagen“, ist sich Schröder sicher. Genaudas wollte „Mr. Frauenfußball“ erreichen.