Turbine-Cheftrainer Bernd Schröder.
Foto: Jan Kuppert
Die Frauen des Fußballmeisters 1. FFC Turbine Potsdam treffen heute Abend (20.30 Uhr/ZDF live) in Madrid-Getafe im Finale der Champions League auf Olympique Lyon. Mit Turbine-Trainer Bernd Schröder (67) sprach MAZ-Redakteur Jens Trommer.
MAZ: Sie standen mit Potsdam zweimal im Endspiel des Uefa-Cups, haben einmal gewonnen. Wie wichtig ist dieses Champions-League-Finale für Sie als Trainer?
Bernd Schröder: Sehr, sehr wichtig. Allein der Name Champions League gibt dem Ganzen eine neue Qualität. Alles guckt auf uns, es gibt eine Live-Übertragung im Fernsehen. Auf uns allen liegt eine große Verantwortung.
Ist die Last größer als vorm ersten Finale in Stockholm?
Schröder: Ich denke schon. Es ist das erste Endspiel auf neutralem Boden, eine Menge Fans werden uns begleiten. Der europäische Verband Uefa wird genau verfolgen, wie sich beide Mannschaften präsentieren. Das gibt im Frauenfußball die Richtung an für die nächsten Jahre.
Was wissen Sie über Ihren Kontrahenten Lyon?
Schröder: Wir besitzen ausreichend Bildmaterial von Lyon, ich kenne den Großteil der Spielerinnen sehr gut. Ich habe mir mehrfach die Partie von Olympique in Umea angeguckt. Es gab nichts Überraschendes. Die Chancen im Finale stehen sicher 50:50, vielleicht auch 60:40 für uns. Aber das ist auch eine Frage der Tagesform.
Die norwegische Nationalspielerin Ingvild Stensland gibt bei Lyon den Ton an. Gibt es eine Sonderbewachung?
Schröder: Es ist ja kein Geheimnis, dass wir seit Jahren an Stensland interessiert sind und uns um sie bemühen. Eine Sonderbewachung wird es nicht geben. Im Mittelfeld trifft sie entweder auf Jennifer Zietz oder Nadine Keßler. Das Problem ist, Lyon hat zwei Riesen in der Abwehr. Da müssen wir bei Kopfbällen aufpassen. Da ist wieder die Frage, wen stellen wir ins Tor, weil man bei Eckbällen und Standards jemanden haben muss, der auch mal den Ball von der Rübe nimmt.
Haben Sie sich in der Torwartfrage zwischen Anna Felicitas Sarholz und Desirée Schumann schon entschieden?
Schröder: Nein, das passiert kurz vorm Spiel.
Würfeln Sie da?
Schröder: Nee, nee. Ich gucke, wie beide in Form sind, wie sie sich beim Training präsentieren. Der Torwart muss zu 100 Prozent fit sein. Für meine Begriffe hat die Art und Weise, wie wir mit unseren Torhüterinnen in den vergangenen Wochen umgegangen sind, beide nach vorn gebracht. Hätten wir eine Nummer eins gekürt, wäre eine beleidigt. Die andere hätte sich in Sicherheit gewogen und wir hätten nicht dieses ehrliche Konkurrenzbestreben. Wir reden im Fußball immer von ungeschriebenen Gesetzen. Ich kenne keine ungeschriebenen Gesetze. Ich bin Naturwissenschaftler, für mich gibt es nur festgeschriebene Gesetze.
Mit der Verpflichtung von Lira Bajramaj und Nadine Keßler zum Saisonbeginn haben Sie ein glückliches Händchen bewiesen. Glück oder Verstand?
Schröder: Keiner konnte wissen, dass es so optimal laufen würde. Wir haben nicht damit gerechnet, dass die Neuen so schnell einschlagen. Doch das ist nicht das Entscheidende. Bei uns ist es das Team. In Potsdam, das stand auch im Fachblatt „Kicker“ zu lesen, ist das Team der Star. Wenn man die wenigsten Tore reinkriegt und die meisten schießt, muss man ja eine Mannschaft haben, und nicht nur zwei Spieler. Aber ich gebe zu, dass Lira Bajramaj mit ihrer Art, Fußball zu spielen, Zuschauer anlockt.
Wie sehen Ihre Vorstellungen für die neue Saison aus?
Schröder: Die Mannschaft ist noch nicht am Limit. Alle Spielerinnen haben Verträge, keine geht weg. Außerdem haben wir einige junge Leute im Köcher, wir müssen auch über 2011 hinaus gucken. Längerfristig müssen wir im zentralen Mittelfeld etwas machen. Außerdem suchen wir eine junge Abwehrspielerin, falls jemand ausfällt. Und wir verfügen im eigenen Nachwuchs in Kristin Demann, Jenny Cramer und Sandra Starke über drei gute U 17-Spielerinnen, die nachrücken.
Kritiker wie Freunde sagen, Turbine gewinnt mit einem überholten System. Keine Mannschaft außer Potsdam spielt mehr mit einer Dreierkette in der Abwehr oder setzt auf drei Angreiferinnen …
Schröder: Stimmt ja nicht. Wir spielen ein variables System, das auf Vierer- und Fünferkette umstellt, je nachdem, wie der Gegner kommt. Wir haben einen variablen Angriff. Das Mittelfeld spielt je nachdem mit einer Raute, einer Doppel-Sechs oder einer flachen Sechs, wie man so schön sagt. Eigenartigerweise haben wir immer Tore reingekriegt, wenn wir mit vier Mann hinten standen.
Sie haben schon zu DDR-Zeiten dem Frauenfußball Ihren Stempel aufgedrückt, wurden bis zur Wende mit Turbine sechsmal Meister. Was hat sich in den vergangenen 20 Jahren verändert?
Schröder: Wir hatten schon damals Riesentalente, die aber aufgrund ihrer beruflichen Situation und familiären Gedanken nie Vollprofi oder Halb-Profi geworden wären. Das ist ja unser Ziel, eine Mischung aus Fußball und beruflichen Dingen, sei es Schule, Studium oder Bundeswehr, zu finden. Das würde auch manchem Profi bei den Männern gut tun, mal über den Tellerrand hinauszuschauen. Das gilt für Trainer übrigens auch.
Sie hatten vor Jahresfrist verkündet, 2011 sei mit dem Trainerjob Schluss. Zuletzt klangen andere Töne durch. Oder?
Schröder: Es gibt immer wieder neue Wünsche und Varianten. Wir haben uns bis 2011 positioniert. Was danach kommt, müssen wir absprechen. Im höchsten Fall hänge ich noch eine Saison dran. Man muss ja auch mal zu seinem Wort stehen. Das Problem ist, jemanden zu finden, der die Spezifik des Frauenfußballs in Potsdam lebt.
Wie meinen Sie das?
Schröder: Wir leben im Luftschiffhafen in einer harmonischen Symbiose mit vielen anderen Vereinen, die sich dem Breiten- und Spitzensport verschrieben haben. Kanu, Rudern, Leichtathletik, Handball, Bobsport. Bis hin zum Fanfarenzug. Das hängt auch an den handelnden Personen. Doch was ist, wenn ich mal nicht mehr bin?