Im sechsten Teil unseres Jahresrückblicks 2009 kommt gar die sonst eher ruhige Stefanie Draws angesichts ihrer Erinnerungen an die Ereignisse vergangenen Monate regelrecht ins Schwärmen.
Ich bin über das vergangene Jahr einfach total glücklich, es ist einfach nur schön.Stefanie Draws
Seit September dreht sich für die Abiturientin der Sportschule Potsdam alles um Mathematik, Statik und Baukonstruktionen. Nach ihrem Schulabschluss wechselte die 20-Jährige an die Fachhochschule Potsdam, wo sie nun im ersten Semester Bauingenieurwesen studiert. Demnächst stehen bereits die ersten Klausuren für die gebürtige Rostockerin an. „Es gibt Zeiten, in denen das Studium stressig ist. Zudem muss ich mich jeden Abend hinsetzen und nacharbeiten, mich für Vorlesungen vorbereiten oder Hausarbeiten schreiben“, berichtet Stefanie Draws, die täglich auf dem FH-Campus anzutreffen ist. „Das schlaucht manchmal, aber auf der anderen Seite ist das Studium auch ein schöner Ausgleich zum Fußball, man lernt neue Leute kennen und bekommt den Kopf vom Sport frei, so dass man beim Training wieder einen vollen Akku hat und an seine Leistungsgrenze gehen kann“.
Trotz aller Lernerei nahm sich „Ulla“ viel Zeit, das vergangene Jahr noch einmal in Ruhe zu reflektieren. Ulla? „Als ich noch in Neubrandenburg spielte, hatten wir fünf Stefanies in der Mannschaft“, erklärt sie, „da mussten einige Spitznamen her. Eine meiner Mitspielerinnen hat mich dann einfach Ulla genannt, und dabei ist es bis heute geblieben“. Ihr Spitzname hat sich inzwischen so fest eingebürgert, dass manch einer gar erstmal überlegen muss, wenn die Frage nach einer „Steffi“ aufkommt.
„Ich hoffe, dass wir 2010 sozusagen das Triple holen können.“
„Ullas“ prägendste Erinnerungen des Jahres 2009 beginnen beim Hallenpokal in Magdeburg. „Die Atmosphäre war super. Da Magdeburg so nah bei Potsdam liegt, waren ganz viele Turbinefans da und haben ordentlich Stimmung gemacht. Das war schon was etwas Besonderes. Dass wir dann auch unseren Titel verteidigen konnten, war unglaublich schön. Ich hoffe nun, dass wir 2010 sozusagen das Triple holen können“.
Klar, Trainer Bernd Schröder lebt es vor – in Potsdam gibt man sich mit dem Erreichten nicht zufrieden, ruht sich erst recht nicht darauf aus. Grundvoraussetzung, dies in die Realität umzusetzen, ist eine dementsprechende Trainingseinstellung. Ulla Draws gehört auch da zu den Musterprofis, absolviert ebenso verlässlich und souverän wie im Spiel das ihr auferlegte Programm und mehr. Wenngleich das mitunter viel Disziplin und Leidensfähigkeit abverlangt. Zunächst nach ihrem Kreuzbandriss im März 2008 („oh nicht schon wieder das Thema Kreuzbandriss, das ist doch nun wirklich lange durch“) hat sich die damals 18-Jährige über Monate hinweg eisern geschunden und kehrte nach ziemlich genau einem halben Jahr dementsprechend auch erfolgreich zurück auf den Platz. 2009 baute die Sportschülerin „neben“ dem Kampf um DFB-Pokal und Champions-League-Platzierung erfolgreich ihr Abitur. Trotz dieser nicht unwichtigen Weichenstellung für die Zukunft gab es am Trainingsplan der Turbine-Stammspielerin keine Einschnitte. Am Ende war die Saison 2009 auch die Saison von Stefanie Draws. In der Abwehr zog sie mit Babett Peter und Bianca Schmidt die Fäden, hatte maßgeblichen Anteil am Gewinn der Meisterschaft und damit der Qualifikation für das internationale Clubgeschehen sowie dem Einzug ins DFB-Pokal-Finale.
„Der schwärzeste Moment des Jahres. Und soviele Leute haben zugeguckt, wie wir uns blamierten.“
Wenngleich letzterer auch für „Ulla“ der „schwärzeste Moment des ganzen Jahres“ bedeutete. „Das war überhaupt das Schlimmste, was uns passieren konnte“, erinnert sich die 20-Jährige nur ungern an diesen Tag im Mai zurück. „Nach diesem Spiel brauchte ich erstmal Abstand von allen anderen um mich herum, wollte nur mit der Mannschaft zusammen sein. Mit den Leuten, die das auch selbst miterlebt haben und nachvollziehen konnten, wie man sich danach fühlt“. Bis heute hat auch die Abwehrspielerin „keine Ahnung, woran es lag, dass wir dort so untergegangen haben. Besonders schlimm war das Ganze ja noch, weil soviele Leute das Spiel auch im Fernsehen angeschaut und uns dabei zugesehen haben, wie wir uns blamierten“. Zugleich kann sie als ausgeprägter Teamplayer dem Ganzen gar etwas klitzekleines Positives abgewinnen: „Ich denke, dieses Erlebnis hat uns als Mannschaft noch einmal extrem zusammengeschweißt. Das war nicht nur für den anstehenden letzten Spieltag der Bundesliga von Vorteil, bei dem es für uns um viel ging, sondern auch für den gesamten Teamgeist. Diese Mannschaft 2008/09 war einfach etwas ganz besonderes.“ Das Pokalfinale 2009 reduziert „Ulla“ mittlerweile auf einige, wenige Eckpunkte. „Ich hoffe, dass wir 2010 die Möglichkeit zur Revanche – möglichst im Endspiel in Köln –bekommen. Immerhin haben wir ja jetzt Lira (Bajramaj) bei uns“, schmunzelt sie – in der Tat hatte die Ex-Duisburgerin damals maßgeblichen Anteil am Pokalgewinn gegen ihren jetzigen Verein. „Es ist doch verrückt – wir haben im gesamten Jahr 2009 nur ein einziges Spiel verloren. Wenn man sich das mal überlegt, ist das eine wirklich gute Bilanz“, sinniert Draws.
„Das war definitiv das schönste Fußballerlebnis meines gesamten Lebens.“
In der Tat abgesehen vom Cupdesaster eine starke Bilanz, die überdies dazu führte, dass den „Turbinen“ nicht nur der avisierte Einzug in die Champions League 2009/10 gelang, sondern sie im Juni 2009 plötzlich auch völlig überraschend die deutsche Meisterschaft feiern konnten. „Das war definitiv das schönste Fußballerlebnis meines gesamten Lebens“, erinnert sich Steffi Draws an diesen denkwürdigen Tag, „es war einfach sooo schön“. Auch Turbines Abwehrverbund wurde während der Begegnung gegen den VfL Wolfsburg, in der es sozusagen um alles ging, jedes einzelne Tor zählte, gezielt von der Potsdamer Wechselbank mit Falschinformationen versorgt. „Während des Spiels haben uns die Auswechselspieler die ganze Zeit gesagt, wir müssten unbedingt noch ein Tor mehr ma

Da explodieren gern auch mal kühle Norddeutsche - "Ulla" nach dem Gewinn der deutschen Meisterschaft im Juni 2009.
Foto: Jan Kuppert
chen. Das hat uns auch nach dem 3:0 noch einmal zusätzlich motiviert“, erinnert sie sich. Direkt nach dem Abpfiff „habe ich mich zum Einen riesig darüber gefreut, dass wir zur neuen Saison in der Champions League spielen werden. Zum anderen dachte ich mit aber auch – wie blöd, mit einem Tor Unterschied an der Meisterschaft vorbeigeschrammt zu sein. Als sich das dann jedoch auf einmal aufgeklärt hat, und diese quälend endlos langen Minuten des Wartens auf das Ergebnis aus Crailsheim vorbei waren… diese Minuten, in denen man einfach nur warten kann, in dir völlige Leere ist, du absolut angespannt bist und die ganze Zeit zweifelst… und dann auf einmal durchgesagt wird, dass wir neuer deutscher Meister sind… oh Gott, das war einfach unfassbar. Wir haben auf dem Boden zusammen gesessen und so gehofft, dann waren wir auf einmal so glücklich, man kann das gar nicht mit Worten beschreiben. Wir haben vor Freude geheult und so richtig realisiert habe ich das in den ersten Stunden danach noch nicht. Dass wir deutscher Meister sind hab ich erst langsam angefangen zu glauben, als ich es am nächsten Tag in der Zeitung gelesen habe. Noch heute bekomme ich eine Gänsehaut, wenn ich mich an diese Momente zurückerinnere, Bilder davon sehe oder darüber lese“.
„Ich versuche immer, mein maximalstes zu geben, egal wo der Trainer mich aufstellt.“
Die Saison 2009/10 ist auch für die angehende Bauingenieurin– ebenso wie für all ihre Mannschaftskolleginnen – eine besondere Herausforderung. Potsdams Neuzugänge haben die Konkurrenzsituation im Team verschärft, was auch Stefanie Draws bereits zu spüren bekommen hat. Von ihrer einstigen Paradeposition als zentrale Abwehrspielerin musste sich die 20-Jährige verabschieden, in den letzten Spielen des Jahres 2009 kam sie regelmäßig auf der linken Außenbahn im Mittelfeld zum Einsatz. „Ich kann inzwischen gar nicht mehr sagen, wo ich am liebsten spiele. Ich versuche immer, mein maximalstes zu geben, egal wo der Trainer mich aufstellt“, erklärt sie.
Mit dem bisherigen Saisonverlauf ist der stets in sich ruhende Blondschopf zufrieden. Während diverse Medienvertreter in ihren Blättern mitunter wahre Lobarien auf Turbines kreative Präsentationen in der aktuellen Spielzeit loslassen, erklärt Stefanie Draws mit der ihr sehr eigenen Bescheidenheit: „Ja, es läuft bislang ganz gut“. Um sofort nachzulegen, was noch besser laufen könnte: „In München und Duisburg haben wir unnötige Gegentore bekommen, was sehr ärgerlich war. Nach diesen Spielen war ich mit mir selbst auch nicht zufrieden“.
Auch in der Champions League, wo die Potsdamerinnen inzwischen im Viertelfinale angekommen sind, laufe es. „Beim Rückspiel in Kopenhagen gegen Brøndby IF hat Herr Schröder die Mannschaft ja taktisch umgestellt, dort bin erstmals im Mittelfeld auf der Außenbahn zum Einsatz gekommen“, erinnert sich „Ulla“. „Das war anfangs schon eine Umstel
Wir freuen uns jedes Mal, auf den Platz zu gehen.Stefanie Draws
lung, doch inzwischen hab ich mich gut damit arrangiert und keine Probleme mehr, dort zu spielen. Als Flügelspieler hast du ganz andere Aufgaben als hinten in der Abwehr. So musst du zwar auch defensiv arbeiten, dich aber gleichzeitig in den Spielaufbau mit einschalten. Und manchmal kommst du überraschenderweise sogar zum Tore schießen“, schmunzelt die mit einer eher sparsamen Torquote ausgestattete Abwehrspezialistin und denkt dabei an ihren 1:0-Führungstreffer im Pokalachtelfinale gegen Holstein Kiel, den sie nur 20 Sekunden nach Anpfiff der Partie erzielte.
„Ich ärgere mich, dass ich ein Vormittagstraining in der Woche verpasse.“
Inzwischen hat sich Stefanie Draws also mit ihrer neuen Rolle im Spielsystem gut arrangiert. „Zum Saisonbeginn war die Situation aufgrund des gestiegenen Konkurrenzkampfes nicht einfach“, blickt sie zurück, „das ist auch immer noch so, zumal ich mich z.B. mit Josi (Henning) sehr gut verstehe. Das war schon doof, wenn einer von uns beiden dann immer draußen saß, weil wir auf der gleichen Position spielen“. Gleichzeitig versteht „Ulla“ den stark besetzten Kader und damit verbunden die starke mannschaftsinterne Konkurrenz auch als zusätzlichen Ansporn. Da sorgt die mitunter auftretende Überschneidung von Studium und Training schon für einige Sorgenfalten bei der Norddeutschen, „ich ärgere mich, dass ich ein Vormittagstraining in der Woche wegen der Vorlesungen verpasse, versuche das aber dann durch individuelles Training auszugleichen“, erklärt sie.
Der Einzug ins Pokal-Halbfinale kurz vor der Weihnachtspause war schließlich „der krönende Abschluss eines tollen Jahres. Wir haben das erreicht, was wir uns vorgenommen haben. Dass wir im letzten Spiel des Jahres, und dann noch so einem wichtigen, den FFC Frankfurt mit einer 0:3-Niederlage nach Hause geschickt haben, war noch einmal etwas wirklich besonderes. Es war vielleicht aufgrund der Platzverhältnisse nicht das attraktivste Spiel, aber das war uns egal. Der Schnee hat mich nicht gestört und ich hab es auch gar nicht als so kalt empfunden. Du hast da soviel Adrenalin in dir, darüber denkst du gar nicht groß nach“, erklärt „Ulla“. Vielleicht arrangiert man sich als gebürtige Norddeutsche auch einfach leichter mit widrigen Wetterverhältnissen? Immerhin spielt die 20-Jährige bei Wind und Wetter durchgängig am liebsten kurzärmlig, was dem ein oder anderen Zuschauer gern mal extra Frostbeulen allein schon vom Zuschauen verursacht.
„Ich bin über das vergangene Jahr einfach total glücklich, es ist einfach nur schön“, so lautet „Ullas“ kurzes und knappes Fazit zum Jahr 2009, an dessen Ende ihr „Akku schon ziemlich leer war. Wir hatten ja eine lange, intensive Vorbereitungsphase und anschließend ziemlich viele Spiele in kurzer Zeit“, erklärt sie. Die Weihnachtspause genoss der Blondschopf dann auch dementsprechend bei seiner Familie in Rostock. Und ganz ihrem Naturell entsprechend hat sie dort „einfach nur entspannt, mich von meinen Eltern verwöhnen lassen und die Tage ganz in Ruhe genossen“.
Bereits Anfang Januar kribbelte es ihr wieder in den Beinen, so sehr, dass es sie bereits vor dem offiziellen Trainingsstart am 7. Januar auf die Laufbahn zog. „Ich hab mich tierisch darauf gefreut, die Mannschaft wieder zu sehen und dann endlich wieder loszulegen“, erklärt „Ulla“, die sich auch für 2010 viel vorgenommen hat: „In erster Linie möchte ich vor allem gesund und von Verletzungen verschont bleiben. Mit meiner Mannschaft möchte ich in allen Wettbewerben so weit wie möglich kommen, Madrid wäre ein Traum“. Dabei ist Stefanie Draws guter Hoffnung, „wir haben eine starke Mannschaft, der Teamgeist stimmt. Es passt einfach. Ich denke, das merkt man auch vor dem und im Spiel, da ist eine gewisse Lockerheit, wir freuen uns jedes Mal, auf den Platz zu gehen“.
Das erste Mal wird man dies 2010 am kommenden Wochenende bei den beiden Hallenturnieren in Kiel und Jöllenbeck erleben können. Stefanie Draws wird mit einem Teil des Erstligateams Turbines Farben beim 3. SHFV-Nordcup in Kiel vertreten. Eine Woche später steht dann der DFB-Hallenpokal in Magdeburg an.
Nach den Eindrücken von Stefanie Draws kommen die zwei Pragmatikerinnen zu Wort. Sowohl Anja Mittag als auch Isabel Kerschowski halten sich nicht mit langen Volksreden auf. Die beiden blicken in Teil 7 unseres Jahresrückblicks auf ihre ganz persönlichen Erinnerungen an 2009 zurück, ehe im 8ten und letzten Teil unserer Textserie noch einmal zwei Spielerinnen zu Wort kommen, die geographisch inzwischen weit weg von Potsdam die Töppen schnüren, deren Herz aber immer noch zu einem großen Teil für Potsdam schlägt.
•
Turbines Jahr 2009 - der Rückblick: Teil 1 - Bernd Schröder
•
Turbines Jahr 2009 - der Rückblick: Teil 2 - Bernd Schröder
•
Turbines Jahr 2009 - der Rückblick: Teil 3 - Bernd Schröder
•
Turbines Jahr 2009 - der Rückblick: Teil 4 – Jennifer Zietz
•
Turbines Jahr 2009 - der Rückblick: Teil 5 – Desirée Schumann